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Landsberger Gymnasiasten betreten Bretter, die die Welt bedeuten

Im Rahmen des Deutschtages der Jahrgangsstufe 11 sah ich mir am 21.09.2010 eine Inszenierung der Tragödie “Antigone” im Neuen Theater in Halle / Saale an.Es war die dritte Aufführung der Schauspieler, die ursprünglich für das Pfalztheater Kaiserslautern arbeiten und in Halle als “Gäste” auftraten.            Nachdem wir Sophokles´ Drama im Unterricht ausführlich behandelt hatten, hegten wohl viele Schüler den Wunsch, dass uns eine klassische Aufführung einer antiken griechischen Tragödie erwartet, wie es unsere Lehrer beschrieben hatten: drei Schauspieler, die sowohl männliche als auch weibliche Rollen übernehmen, und der Chor, der als Vermittler zwischen den Figuren und dem Publikum steht. Doch schon als wir den Saal des Theaters betraten und Plätze suchend auf die Bühne schauten, erkannten wir, dass dieses Gastspiel wohl ganz anders werden würde, als wir es uns vorgestellt hatten.                                       Auf einer Leinwand konnte man im Vordergrund einen beschädigten Wohnwagen erkennen. Außerdem lag eine Menge Sand direkt vor dem Bild, welches wohl insgesamt ein Schlachtfeld darstellen sollte,             Die Requisiten, die das meiste Aufsehen erregten, waren wohl die Fernsehgeräte, welche verteilt auf der Bühne standen. Auf der linken Seite waren schräg hintereinander fünf Fernseher und auf der rechten Seite drei als Dreieck angeordnet. Nun war endgültig klar, dass es sich hierbei nicht um eine klassische Variante aus der Zeit des Sophokles (5. Jh. v. Chr.) handelt. (...)            Als nun endlich alle Zuschauer einen Platz gefunden hatten und langsam Ruhe eingekehrt war, betraten zwei Frauen die Bühne, von denen die eine von der anderen getragen wurde. Hierbei handelte es sich um die Protagonistin Antigone, gespielt von Shadi Hedayati, und ihre Schwester Ismene, dargestellt von Jana Zöll, die sich auf Grund ihrer Behinderung nur im Rollstuhl fortbewegen kann. An den verwirrten Gesichtern im Publikum konnte man erkennen, dass mit solch einer Besetzung wohl niemand gerechnet hatte. Diese Reaktion wurde auch durch die überraschende Auswahl der Kostüme, welche das von Armeebekleidung bekannte Tarnmuster enthielten, verstärkt. Dies stand offensichtlich in direktem Zusammenhang mit dem außergewöhnlichen Bühnenbild.             (...) Nach der ersten Szene verließen Antigone und Ismene die Bühne. Die TV-Geräte wurden angeschaltet. Auf den Bildschirmen erschienen Jungen, welche durch ihre Mimik verschiedene Emotionen darstellten. Gleichzeitig ertönte eine Stimme, die den Text, der ursprünglich dem Chor zugeschrieben war, vortrug. Im weiteren Verlauf zeigten die Fernsehgeräte ständig wiederholend die Jungen, jedoch auch Aufnahmen von Straßen, Bilder von einstürzenden Häusern und Menschen, auf die geschossen wird. Diese Darstellung erschien recht provokant.                        (...) Nun betrat Kreon (Peter Kaghanovitch) die Bühne. Auch er war im so genannten Mititarylook gekleidet. Anders als von Sophokles vorgesehen, war er allein und sprach trotzdem zum Volk. Hier kam das Mikrofon, welches von der Decke hing, ins Spiel. Es schien, als würde das Staatsoberhaupt dies benutzen, um mit der Außenwelt zu kommunizieren bzw. überhaupt in Kontakt zu treten, obwohl es im ersten Augenblick so wirkte, als würde Kreon einen Monolog führen. Auf Grund der fehlenden Choreuten zeigten erneut nur die Fernsehgeräte kurz eine Reaktion. Danach tauchte ein schäbig gekleideter Mann auf, welcher den Wächter und Überbringer der entscheidenden Nachricht darstellte. Begeisternd echt spielte Kaghanovitch den Zorn, der Kreon überkommt, als er erfährt, dass ein Bürger Thebens gegen das von ihm erlassene Bestattungsverbot verstoßen hatte. Doch war das wohl nicht die einzige Szene, bei der man sich vom Talent der Schauspieler überzeugen konnte. Keiner der Darsteller ließ an der Besetzung des Stückes zweifeln, so dass die Handlung und auch die Gefühlslagen der Figuren stets verständlich und nachvollziehbar waren. Einzig das Bühnenbild und die Requisiten ließen sich als gewöhnungsbedürftig beschreiben. Zwar sollten sie den Interpretationsspielraum erweitern, doch waren einige Schüler mit diesem Freiraum etwas überfordert, was auch das anschließende Gespräch mit den Schauspielern zeigte.                                                                           Die wohl bemerkenswerteste Szene folgte, nachdem Wolfgang Robert als blinder Seher Teiresias die Bühne betreten hatte. Nicht wie in der Vorlage von einem Knaben geführt, jedoch eine braune Papiertüte am ausgestreckten Arm haltend, kam er auf Kreon mit der Aufgabe zu, ihn von dessen bevorstehenden Unglück in Kenntnis zu setzen. Der Seher hob sich von den anderen Figuren dadurch ab, dass er keine Tarnkleidung trug. Seine Mütze war aus verschiedenen Stoffteilen und somit auch verschiedenen Farben gefertigt, was wahrscheinlich auf die Globalität und Aktualität solcher Konflikte wie in der “Antigone” hindeuten sollte. Nach seiner Ansprache schüttelte Teiresias den Beutel, den er vor sich hielt, so dass der Inhalt auf den vorderen Bühnenabschnitt fiel, doch nur wenige Zuschauer erkennen konnten, worum es sich handelte. In der darauf folgenden Diskussionsrunde stellte sich heraus, dass es wohl ein Haufen Erde war. Was der Regisseur Hansgünther Heyme, welcher nicht anwesend war, damit ausdrücken wollte, konnten oder wollten die Darsteller nicht verraten. Daher war auch hier Fantasie der Zuschauer gefragt.            Insgesamt lohnte sich der Ausflug ins Neue Theater für alle 11. Klassen sehr. Auch wenn sich die Meinungen zur Inszenierung deutlich unterschieden, waren sich doch alle einig. Obwohl wir die literarische Vorlage von Sophokles kannten, konnten uns die Schauspieler mit ihrer Vorstellung gut unterhalten und uns die im Drama angesprochene Problematik auf moderne Weise näher bringen. Ob es nun alle Zuschauer angesprochen hat oder nicht, war wohl eine Frage der persönlichen Empfindung. Ich selbst trat der Inszenierung eher skeptisch entgegen und war von der Neuinterpretation des Stückes nicht ganz überzeugt. Trotzdem war es ein Erlebnis, welches wir wohl nicht so schnell vergessen werden. J. Götz, 11a                                                                                 
(...) Nach der Aufführung fand eine Diskussionsrunde mit den Schauspielern statt. Dabei konnte man herausfinden, dass der Gedanke hinter der Modernisierung darin lag, diese kritische Tragödie auf die heutige Zeit und aktuelle Geschehnisse zu beziehen. Durch das Bild und die Armeebekleidung wollten sie eine Art Kriegszustand darstellen, wie