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Geschichtstag 2011 Klassenstufe 9

Im Rahmen des Geschichtstages besuchten wir, die 9. Klassen des Gymnasiums Landsberg, am 19.5.2011 die Euthanasieanstalt in Bernburg. Uns erwartete zunächst eine einstündige Busfahrt. Ohne eine wirkliche Ahnung, was uns erwarten könnte, standen wir 9.10 Uhr vor der Einrichtung, die uns den ganzen Tag beschäftigen sollte. Wir waren endlich da! Wir befanden uns auf dem Gelände der ehemaligen Heil-und Pflegeanstalt Bernburg, was heute eine Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie ist.Zunächst wurden wir nach Klassen aufgeteilt. Wir betraten das Gebäude, von welchem wir im Laufe desTages noch viel erfahren sollten. Zuerst begaben wir uns in das erste Stockwerk des Hauses und kamen in einen mittelgroßen Raum, in dem zur Zeit der NS-Diktatur hundert Behinderte auf ihren Tod gewartet haben, ohneeine Vorahnung dessen, was sie erwartete. Wir wusstenes in diesem Augenblick aber auch nicht. Es erschien uns, wie ein renovierter Raum, in dem genügend Stühle zu einer Leinwand ausgerichtet standen. Jedersuchte sich einen Platz und wartete. Was wohl jetzt geschieht? Ich dachte, wir schauen einen Film… aber es kam anders. Es stellte sich Marie vor. Sie wurde für die nächsten Stunden unsere Leiterin und Ansprechpartnerin. Als Einleitung zeigte sie uns einige Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Es waren Bilder einer Vorzeigefamilie, die während dieser Zeitepoche der Bevölkerung propagiert wurde. Das gezeigte Material werteten wir aus und es wurde immer mehr klar, worauf der Tag hinauslaufen könnte. Danach folgten Bilder von Politikern des Nationalsozialismus, darunter waren zum Beispiel Hitler und Goebbels. Es wurde uns sehr schnell bewusst, dass diese ihren eigenen  Anforderungen selbst nicht gerecht gewesen waren. Wir erkannten langsam den Irrsinn, der den Faschismus überschattete. Doch das gesamte Ausmaß von  Grausamkeit war uns noch nicht im Bewusstsein. Zunächst wurde uns aber gezeigt, dass behinderte Menschen keinen Platz unter dem Hitler-Regime hatten. Das bewiesen Plakate und Propaganda-Schulaufgaben aus dieser Zeit. Behinderte Menschen wurden als „lebensunwert“ und als zu teuer bezeichnet. Man merkte, wie gut durchdacht die Ideologie in die Köpfe der Menschen eingetrichtert wurde. Doch es gehörte noch mehr zur NS-Ideologie als nur das. Als nächstes zeigte man uns die Einteilung der Menschen in Rassen. Der Wahnsinn und die Pseudo-Wissenschaft dieser Zeit von 1933-1945 rückte in unser Bewusstsein. Man merkte, dass das nicht funktionieren konnte, die Zeit war geprägt von Verallgemeinerung und Vorurteilen. Einige Ideen, zumindest, was die Ermordung von Behinderten anbelangt, gab es schon in anderen Ländern vor der Umsetzung. Diese erfolgte in Deutschland unter Hitler. Wir erfuhren von den Vordenkern, wie zum Beispiel Alfred Ploetz, Fritz Lenz und Alfred Hoche. Sie alle forderten die Isolation, Benachteiligung und teils auch Tötung von Behinderten.Mit sehr vielen Eindrücken, die es erst einmal zu verarbeiten galt, starteten wir in eine Pause. Zwischen 10.00 Uhr und 10.15 Uhr hatten wir Zeit etwas zu essen, das Außengelände zu begutachten und uns das Gebäude etwas näher anzusehen. Ich nutzte die Zeit, um einige Klassenkameraden zu fragen, was ihnen denn gerade so zum Thema durch den Kopf geht. Christopher W. äußerte dazu sinngemäß: „Euthanasie ist nicht vertretbar!“. Obwohl wir noch nicht allzu viele Einzelheiten und Details kannten, ist diese Aussage doch sehr zutreffend. Aber dazu später mehr…Gestärkt kehrten wir aus der Pause zurück und es ging sofort weiter. Es sollten Gruppen gebildet werden und so geschah es dann auch. Jedes Team erhielt unterschiedliche Themen,die alle irgendwie mit der Einrichtung, in der wir uns befanden, zu tun hatte.Die Ergebnisse sollten anschließend der gesamten Klasse präsentiert werden.Meine Gruppe bekam die Aufgabe „Raumerklärungen“. Wir bekamen denAuftrag uns die Rolle von Alliierten hineinzuversetzen, die 1945 die EuthanasieanstaltBernburg untersuchten und versuchten anhand von Bildern (Fotos, Zeichnungen und Raumpläne) aufzuklären, was sich wohl dort abgespielt haben könnte. Es waren Fotos von ankommenden Transportwagen mit Behinderten, die zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass sie nicht mehr lange zu leben hatten. Wir sahen Zeichnungen, die den Weg der Todgeweihten zeigten und den Ablauf der Ermordung, im weitesten Sinne. Diese Bilder ordneten wir zuerst einmal. Daraufhin wurde uns von Marie angeboten, den Keller zu besichtigen, damit wir uns ein besseres Bild von der Situation machen könnten. Also bevor die komplette Klasse, den „Ort des Geschehens“ in Augenschein nehmen konnte, gingen wir fünf, als Gruppe, hinunter. Mit einem mulmigen Gefühl schauten wir in die Gaskammer und durch das Guckloch, durch welches der Tod der Behinderten schon damals beobachtet wurde. In der Annahme, sie befänden sich in einer Dusche, wurden damals viele Menschen auf engstem Raum durch Kohlenstoffmonoxid vergast.„Nach 20 Minuten waren sie erstickt“, sagte uns später  Marie. Wir machten uns ein Bild von den Räumlichkeiten und zumindest ich, für meinen Teil, konnte mir gut vorstellen, wie es damals gewesen sein könnte. Die Vorstellung, dass tausende Menschen an der Stelle, an der man gerade steht, unter schlimmsten Umständen umkamen und vielleicht ebenfalls zu den Duschköpfen hochschauten, wie ich es in diesem Augenblick tat, war beängstigend.Es muss schrecklich gewesen sein. Traurigkeit macht sich in meinem  Denken breit und ich konnte zum ersten Mal die Grausamkeit der Geschehnisse ansatzweise erfassen. Als nächstes kamen wir in den Sezierraum. Einer der beiden Sektionstische von damals stand noch. Wir umrundeten ihn und sahen uns den recht kleinen Raum näher an. Hier wurden Menschen obduziert. Marie erklärte später, dass dort vor allem Gehirne näher betrachtet wurden. Kein Raum, in dem man sich allzu lange aufhalten möchte. Von dort ging es auch  gleich weiter zum Verbrennungsraum; die Öfen wurden entfernt. Bilder von Opfern der Euthanasie in Bernburg hingen an einigen Abschnitten der Wände. Ein sichtliches Aufatmen war zu vernehmen, als wir den Keller verließen. Zurück an die Arbeit hieß es vorerst. Wir arbeiteten unsere Präsentation aus, jetzt aus einem anderen Blickwinkel als vor vielleicht 15 Minuten. Die Bearbeitungszeit endete und es wurde die alte Sitzordnung wieder hergestellt. Nun werden die Ergebnisse vorgestellt. Nach und nach erhielten wir auf diese Art immer mehr Einblicke in die damalige Zeit und die Euthanasie in Bernburg. Begriffe und Prozesse wurden erklärt. Das Opfer der Euthanasie Else R. wurde uns näher gebracht und ihre Geschichte erzählt. Immer mehr wurde so eins der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte für uns deutlicher und verständlicher. Mit beeindruckender Schärfe fuhr die Klinge der Einsicht in unser Bewusstsein. Zumindest mir ging es so und bestimmt auch einigen anderen. Die letzte Gruppe beschäftigte sich mit der Schuld-und Gewissensfrage in Form einer Radioshow.Sie spielten ihre Rollen gut und überzeugend. Trotz kleinerer Versprecher zur Erheiterung des Publikums, wurde man doch dazu gebracht sich innerlich näher damit zu befassen. Wer war schuld? Was hätte der Einzelne tun können? Kann so etwas noch einmal passieren? Hoffentlich nicht … Man hörte ein erstes Mal, an diesen Tag, den Satz: „Mir fehlen die Worte.“. Als nächstes stand die Besichtigung der Kellerräume mit Marie auf dem Plan. Geschlossen begab sich die Klasse nach unten. Erneut mulmige Gefühle. Was vorhin noch Kopfkino von mir war, nahm immer mehr Gestalt, durch die Schilderungen unserer Betreuerin, an. Sie erklärte uns, unter Einfluss vieler Details, den Vorgang der Ermordung von Behinderten in der Euthanasieanstalt in Bernburg. Wieso? Weshalb? Warum? Mit Wissen abgefüllt machten wir uns auf zu den Bussen vor dem Gelände. Natürlich verabschiedeten wir uns vorher ordnungsgemäß von Marie, die uns heute doch so trefflich die Einrichtung gezeigt und erklärt hat. Jeder mit seinen Gedanken, saß im Bus und freute sich nach Hause zu kommen. Ein wirklich bemerkenswerter Tag, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird. Danke, für die Einsichten und Schule mal auf die etwas andere Art. Oder wie u