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„Schöner Tod“ - in der Realität eine Grausamkeit

Am 14. Juni 2012 besuchten wir, die Klassen 9c und 9d, die Euthanasie-Anstalt in Bernburg. „Euthanasie“ heißt übersetzt „Schöner Tod“ und steht für die systematische Tötung von physisch und psychisch benachteiligten Menschen, aber z.B. auch Alkoholabhängigen zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Diese Menschen wurden als „Ballastexistenzen“  angesehen, die dem Staat nur auf der Tasche liegen und Kosten für Sozialleistungen oder Therapien verursachen. Wie menschenverachtend! Unter dem Vorwand sie heilen zu wollen, wurden diese Menschen als Patienten eingewiesen, ohne im Geringsten zu ahnen, dass sie hier der Tod erwartete. Die Klinik war damals und ist heute ein anerkanntes Krankenhaus. Doch niemand außer den Mitarbeitern hatte damals die leiseste Ahnung davon, was neben dem regulären Krankenhausbetrieb heimlich im Keller der Anstalt geschah. Um dies herauszufinden und zu verstehen, führten wir verschiedene „Workshops“  in der heutigen Gedenkstätte durch. Die Klassen wurden in vier Gruppen geteilt. Jeder von uns konnte dadurch hautnah die Geschehnisse rekonstruieren. So wurde Geschichte lebendig  und diese Erfahrungen sind viel „einbrennender“ als Unterricht in der Schule es je sein kann. Wir hielten uns in denselben Räumen wie die Opfer und Täter damals auf und versuchten zu begreifen, was Menschen anderen Menschen angetan haben.Eine Gruppe erarbeitete Hintergrundwissen rund um den Begriff Euthanasie sowie die hier durchgeführten Zwangssterilisationen. Eine zweite Gruppe verfolgte ein Einzelschicksal anhand von Dokumenten und brachte uns in beeindruckender Weise den Leidensweg von Else R. nahe, die hier mit anderen Frauen vergast wurde. Bei der Gestaltung einer fiktiven Radiosendung mussten einige meiner Mitschüler in die Rolle von Personen schlüpfen, die damals hier im Krankenhaus arbeiteten, in Bernburg lebten oder Familienmitglieder der Patienten waren. Dabei trafen Verwandte der Opfer und Menschen, die direkt oder indirekt an der Vernichtung von Menschen beteiligt waren, aufeinander, so z.B. die Schreibkraft, die sich Briefe für die Angehörigen ausdachte, der Hausmeister, der sich um technische Belange wie die Beschaffung der Gasflaschen, die Wartung der Verbrennungsöfen und anderes kümmerte.Ich persönlich habe Verständnis für beide Seiten. Die Angestellten mussten Geld verdienen und erhielten für diese Arbeit viel davon. Genauso verständlich ist für mich, dass die Angehörigen der Opfer empört über das Handeln dieser Menschen sind. Die vierte Gruppe führte die Klasse auf genau dem Weg durch das Gebäude, den die Patienten als letzten in ihrem Leben gingen – durch den Keller, die Gaskammer, den Sezierraum bis ins Krematorium. Es war ein äußerst beklemmendes Gefühl, beengt auf den originalen Fliesen zu stehen, auf denen Jahrzehnte zuvor Menschen erstickt zusammenbrachen und anschließend wie Kadaver weggekarrt wurden. So ein Gefühl kann kein Sachtext bewirken und die Erinnerung daran wird mir immer einen kalten Schauer über den Rücken jagen.

Florian Schmidt 9c

Weitere Meinungen:„Spannend, interessant und auch irgendwie beklemmend. … Alle waren beeindruckt, wie hautnah man Geschichte erleben kann.“ Gregor „Für mich war es etwas Besonderes, die im Geschichtsunterricht vermittelten Inhalte hautnah nachempfinden zu können. Praxisorientiertes Arbeiten bleibt vielen besser im Gedächtnis als bloßes Lesen. Dadurch wird dieser Tag noch lange in unserem Gedächtnis bleiben.“ Katharina„Jeder ging mit Eifer an die Aufgaben, wobei unsere Fähigkeit, in der Gruppe arbeiten zu können, auf die Probe gestellt  und gefördert wurde.“  Jasmine„Ich fand diesen Tag sehr interessant, auch wenn es ein seltsames Gefühl war, denselben Weg  wie die damaligen Opfer zu beschreiten.“     Max J.

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