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Jugendaustausch Israel – Deutschland


In einem Tagebuch geblättert

 

Als wir uns im November 2012 im Mehrzweckraum unseres Gymnasiums die Idee der in Deutschland lebenden Israelin Yoli Reeb, einen Jugendaustausch mit israelischen Schülern durchzuführen, anhörten, waren wir sprachlos.

Israel – ein umstrittenes und dennoch so anziehendes Land. Das gelobte Land. Das wäre doch was, dachten wir uns. Aus den etwa ursprünglich 30 Schülern blieben zwölf - unsere „Israeltruppe“. Als Betreuer fuhren 2 Lehrerinnen unserer Schule und Yoli selbst mit. Nach den Anmeldungen und der ganzen Erledigung unserer deutschen Bürokratie hieß es – Vorbereiten!!! Um ein bisschen in israelisches, aber vor allem jüdisches Leben hinein schnuppern zu können, besuchten wir die Synagoge und den jüdischen Friedhof in Halle, das Jüdische Museum in Berlin und setzten uns intensiv in einem Workshop mit dem Israel - Palästina Konflikt auseinander. Zu unseren Austauschpartnern nahm jeder erstmalig selbst Kontakt auf – per E-Mail oder über Facebook und Skype. Das klappte mehr oder weniger gut, aber dennoch gab es kaum größere Probleme dabei. Gut gerüstet und voller Vorfreude packten wir Koffer, luden unsere Kameraakkus auf und kontrollierten im Minutentakt das Vorhandensein von Reisepass, Notfallnummern und Englisch-Wörterbücher.

 

Der große Tag war endlich der 08. April. Um 5 Uhr früh standen wir am Gymnasium in Landsberg und warteten auf unseren Reisebus zum Flughafen Berlin/ Tegel. Von hier aus sollte es in die Lüfte und einmal quer durch Europa nach Israel gehen. Ziemlich müde kamen wir nach einem ruhigen, jedoch auch von Vorfreude gezeichneten Flug in Tel Aviv an. Es war relativ warm und ziemlich stickig, aber für uns, die wir aus dem Schnee kamen, endlich der lang ersehnte Frühling. Nachdem wir unsere Visa bekommen und unser Gepäck abgeholt hatten, ging es weiter mit dem Bus in den Norden Israels, in Richtung israelisch-libanesische Grenze. Dort liegt das Kibbuz Cabri, wo sich die Schule unserer Austauschpartner befindet. Als wir gegen Abend dort eintrafen, herrschte großes Treiben – es war ein kleines Begrüßungsfest für uns geplant. Unsere israelischen Partner begrüßten uns und wir lernten uns erstmals richtig kennen. Anschließend ging es, noch ziemlich aufgeregt, in die Gastfamilien. Ins Bett fielen wir mehr tot als lebendig, erschlagen von den Eindrücken des Tages.

Den folgenden Tag verbrachten wir in der Schule und in den Gastfamilien mit Führungen, Gesprächen und jeder Menge israelischem Essen.

Der Mittwoch begann mit zeitigem Aufstehen, das mehr oder weniger gleichgültig in Kauf genommen wurde, doch es hatte sich gelohnt. Drei Tage waren wir unterwegs und sahen uns Israel an, von Jerusalem bis zum Toten Meer, Masada und Tel Aviv. Dabei ließen wir nichts aus. Sowohl das obligatorische Foto mit Zeitung bzw. Reiseführer am Toten Meer als auch das Zettelchen an der Klagemauer durften nicht fehlen. Nebenbei lernten wir einiges über die Kultur und Geschichte dieses wunderschönen Landes. Drei Weltreligionen auf engstem Raum und eine wahnsinnige Vielfalt begegneten uns überall, nicht nur in Jerusalem. Und allein der Blick von der alten Römerfestung Masada auf das umliegende Land hat diese Reise unvergesslich und lohnenswert gemacht.

In Tel Aviv trafen wir schließlich wieder auf unsere Austauschschülern. Mit ihnen gemeinsam erkundeten wir bei einer Schnitzeljagd den Rothschild-Boulevard mitten im Herzen Tel Avivs und gingen im Jemenitischen Viertel auf dem Carmel Market shoppen. Auf unserer Rückfahrt nach Cabri wurde gesungen. Unsere Israelis haben  ein sehr freundliches und humorvolles Gemüt. Nach unserer Ankunft in Cabri ging es dann aber schnell zurück in die Gastfamilien. Denn Freitag ist Sabbatbeginn und das heißt: entspannen und nichts tun. Zuhause erlebten auch viele von uns die Sabbat-Zeremonie: es gab Matze, das ungesäuerte Brot, Wein aus einem Kelch und wie jeden Tag, in den meisten Familien, koscheres Essen. Dazu wurde aus der Thora gelesen.

Am Samstag, dem Ruhetag im Judentum, war Strand angesagt. Wir nutzten die Gelegenheit, um mal mit jedem ins Gespräch zu kommen. Spätestens jetzt war das Eis gebrochen und keiner hatte mehr Probleme mit der Verständigung auf Englisch.

Bei unserem Besuch des humanistischen Zentrums „Lochamji Hagetaot“ kam sogar eine offene und ehrliche Diskussion zum Umgang mit der Shoa, oder wie wir sagen dem Holocaust, zu Stande. Anschließend fuhren wir nach Akko und besichtigten diese alte Kreuzfahrerstadt.

Zurück in den Gastfamilien wurde die Stimmung allerdings trauriger und ruhiger. Es war der Vorabend des Gedenktages für die gefallenen Soldaten. In jedem Dorf wurde dann um 8 Uhr abends eine Trauerfeier abgehalten, mit Sirene, Fackelumzug und Gedenkreden. Diese waren denen gewidmet, die bei der Verteidigung Israels ihr Leben verloren hatten. Ebenso die ergreifende Zeremonie, die am nächsten Tag in der Schule von Schülern selbst gestaltet aufgeführt wurde, rührte uns zu Tränen, auch wenn wir kein Wort verstanden.

Doch noch überraschender als diese offene Trauer war der plötzliche Stimmungsumschwung am Abend, zum Beginn des Unabhängigkeitstages. Jedes Kibbuz oder Moschav, jede Stadt des Landes feierte und verteilte kostenlos Essen und Getränke an alle. Bis in die Nacht wurde geredet, gelacht und gefeiert, unter anderem mit einem riesigen Feuerwerk. Der eigentliche Unabhängigkeitstag verlief erstaunlich ruhig und wurde in vielen Familien für Verwandtenbesuche genutzt, was auch für uns sehr interessant war, da viele Großeltern sogar aus Deutschland kamen und teilweise noch Deutsch beherrschten.

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